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  • Kulturforum Südliche Bergstraße e.V
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1. Preis

Carina Isabel Menzel

(Gymnasium Sandhausen)

Freiheit und Freude

Wie groß das Haus war. Und wie bunt. Überall schillerndes Papier und Farbe an den Wänden und bunte Pullover und Schulranzen. Sogar bunte Haare. Und überall dieses Lachen. Es war mir, als erfülle es die Gänge, als bestünden die Gänge aus dem Lachen. Wann hatte ich das letzte Mal so viele Menschen gesehen, die so glücklich schienen?

Manche waren es nicht. Sie schrieen sich an oder zogen sich an den Haaren. Aber die schaute ich nicht an. Nur die, die Flugzeuge aus Papier falteten, ihnen nachjagten. Irgendwie war dieser Ort so fröhlich, dass er unheimlich war. Wusste denn keiner von ihnen, wie schlimm die Welt war? Dass es Menschen gab, die Bomben warfen? Dass es Menschen gab, die andere umbrachten?

Langsam setzte ich meinen Weg fort durch diesen Gang aus Lachen, der doch so fremd war. Links. Rechts. Links. Rechts. Ich sollte auf den Boden schauen, ich wollte nicht, dass mich einer von denen bemerkte. Sie würden nur komisch schauen wegen meiner dunklen Haut. Weil ich keinen bunten Pullover trug und weil ich nicht lachte. Aber meine Blicke hafteten an den anderen Kindern, als würden sie die ganzen bunten Farben in mein dunkles Inneres ziehen wollen.

Irgendwann sah jemand auf und sein Blick traf meinen. Und das Lachen verstummte. Jetzt flüsterten sie nur noch. Wie vor drei Tagen, als wir unsere Wohnung bekommen hatten. Da waren auch alle außen rum gestanden und hatten komisch geschaut. Als wären wir von einem anderen Stern. Bisher hatte ich immer gedacht, alle Menschen seien gleich, aber seit ich in diesem seltsamen Land war, in dem es so viele Farben und so viele glückliche Menschen gab, war dieses Gefühl verschwunden. Ich fühlte mich ständig, als sei um mich herum ein Zaun aufgebaut, durch den sie mich anstarrten.

Jetzt wichen sie zum Teil aus, ängstliche Blicke trafen mich, bis mir Tränen unter den Lidern brannten. Warum gab mir niemand das Gefühl, ich sei angekommen in diesem Land der Freiheit und der Freude, von dem auf unserer Flucht alle immer gesprochen hatten?

Irgendwer rief etwas in einer Sprache, die ich nicht kannte. Ein paar stimmten mit ein. Auch, wenn ich kein Wort verstand, wusste ich, dass es nicht nett war, was sie sagten. Vielleicht beschimpften sie mich sogar. Wegen meiner dunklen Haut. Oder meinem dunklen Pulli.

Überall waren Menschen, aber ich fühlte mich so alleine. Ich hatte mich so sehr auf diesen Tag gefreut. Endlich wieder eine Schule besuchen. Lehrer. Mitschüler. Ich hatte Angst gehabt, ich würde schlechte Noten schreiben, weil ich die Sprache des Landes der Freiheit und Freude nicht sprach, aber meine Mutter meinte, die anderen Kinder würden mir helfen. Und jetzt? Standen sie um mich herum und ich glaubte, sie würden mir das alles nur noch schwerer machen.

Und plötzlich war da diese Hand. Irgendwer in der Menge winkte und ich hob den Kopf. Durch einen Tränenschleier sah ich ein Mädchen vor mir und es winkte und es lachte. Ich blinzelte und da sah ich, dass sie mich meinte. Und sie sah nett aus. Jetzt trat sie vor und sah ihre Mitschüler an.

„Warum redet ihr so gemein über sie?“, rief sie.

Ich verstand nicht, was das hieß, aber sie sah sehr wütend aus.

„Was ist denn anders an ihr?“, sie schaute ein paar Kinder aus der Menge an und die verstummten. Und dann trat das Mädchen vor und lächelte mich an. Ich glaube, ich lächelte auch, denn dann nahm sie meine Hand und gab mir das Papierflugzeug, das sie gerade eben noch gebastelt hatte. Und dann nahm sie mich mit durch die Menge von bunten Pullovern und während ich ihr folgte und ihre warme Hand in meiner spürte, lief eine Träne über meine Wange. Dieses Mädchen wollte meine Freundin sein, obwohl ich anders war.

Endlich fühlte ich mich frei. Und froh.

Ich glaube, in diesem Moment war ich angekommen.

 

2. Preis

Anna Staab

(Gymnasium Walldorf)

Heim(at)

Ich blicke aus dem Fenster. Dort ist alles grau. Das Wetter. Die Steine auf dem Boden. Sogar die Menschen wirken grau. Auf dem Schild am Eingang steht „Heim“, aber dieser Name für ein Altenheim scheint mir zu makaber, als dass man ihn ernst nehmen könnte. Genauso wie die Patienten dort. Das Altenheim. Ein Zwischenheim für Heimatlose, die nur auf der Zwischenstufe zu ihrem letzten Heim im Himmel sind.

Ich schaue immer noch raus. Alles ist grau. Graue Flugzeuge, die an einem grauen Himmel fliegen, der graue Bäume auf grauem Stein bedeckt. Selbst die Bettwäsche ist grau. Nichts von all dem in diesem Pflegeheim gleicht der Schönheit meines alten Heims in Weinheim. Das Heimweh um meine alte Heimat lässt mich nicht schlafen. Es war kein Geheimnis, dass das Heim nicht heimatlich ist. Die Veränderung, die der Heimrat schon vor Wochen geplant hatte, wurde nicht durchgesetzt. Vielleicht sollte ich ihn ja heimsuchen. Doch was sollte man an einem solch heimatlosen Ort ändern? Es bunt streichen, ja, das scheint in den farbenblinden Augen einiger Leute sinnvoll. Es würde jedoch nur die kalten Graustufen der Außenfassade überdecken. Wie Make- up bei einer gebrochenen Frau. Nichts kann die heimatliche Wärme des eigenen Zuhauses in ein eisiges Gebäude bringen.

Als ich versuche, dies der Pflegekraft zu erklären, meint sie, sie würde sofort die Heizung in meinem Zimmer hochdrehen. Heimlich lache ich über sie und ihre Zurückgebliebenheit in manchen Dingen.

Ich blicke über die Wiese vor meinem Fenster. Auf dem Weg läuft eine scheinbar orientierungslose ältere Dame entlang. Ich verstehe ihre Lage. Wie soll man sich in einer solchen Welt orientieren ohne einen Ausgangspunkt zu haben? Ein paar Männer kommen zu ihr und bringen sie zurück ins Haus.

Meine Gedanken schweifen wieder zu meiner alten Heimat ab. Ich vermisse sie. Es war gemein, mich in ein Altenheim zu schicken. Sie sagten, es wird alles gut. Ja. Für sie ist es jetzt gut. Sie sind daheim und denken bestimmt nicht mal mehr an mich. Sie sind frei, dorthin zu gehen, wohin sie wollen. Es ist nicht schwer, irgendwo hinzugehen, wenn man eine Heimat hat. Einen Ort, wo man zuhause ist. Ich habe so etwas nicht.

Ich habe ein Heim, in dem ich lebe. Aber ich habe keine Heimat.

 

3. Preis

Carola Marion Menzel

(Gymnasium Sandhausen)

Wir suchten den Horizont

„Jidd, was hast du da?“

Mayla sah mich lange an, ihre dunklen Augen blickten neugierig zu mir hinauf, als ich den Brief sinken ließ und den Blick meiner Enkelin gedankenversunken auffing.

Wir waren sechs gewesen. Sechs einsame Jugendliche, verloren gegangen in der unendlichen Weite unseres Landes. Alleine gelassen von den Hoffnungen und Plänen für die Zukunft, einsam in diesem ausgebrannten Auto nahe der Grenze.

Sie ließen niemanden rüber, deshalb blieben wir dort. Spürten mit dem Vergehen der scheinbar endlosen Zeit, wie es ein Zuhause für uns wurde. Stundenlang saßen wir auf dem Dach, lachten und weinten gemeinsam und für Sekunden war der unendliche Schmerz vergessen. Es waren die schwersten Tage meines Lebens und doch die leichtesten, die, die mich so glücklich doch auch so traurig machten wie nie zuvor. Wir jagten, wir sammelten und wir bauten uns ein richtiges Dach, damit wir uns beim Regen nicht an den wenigen dichten Stellen zusammendrängen mussten, um melodischen Trommeln der Regentropfen auf dem Autodach zuzuhören. Ich erinnerte mich, wie wir oft Lieder dazu sangen, wie wir aus der Sprache der Natur unsere Musik machten. Nächtelang sangen wir, nächtelang saßen wir am Lagerfeuer und Nacht für Nacht spürten wir immer mehr, dass wir zu dem wurden, was wir verloren hatten: eine Familie. Sommer gingen, Winter kamen und doch blieben wir zusammen bis zu dem Tag, an dem es hieß, die Grenze sei offen. Es war das erste Mal, dass wir darüber sprachen, was uns so sehr unterschied und doch miteinander verband: unser Schicksal.

„Ich wollte nach Europa“, begann Aleyna während ihr Blick irgendwo in der Weite verlorenzugehen schien.

„Ich wollte meinen Bruder finden“, schloss sich Tarek an und ließ den Sand des trockenen Bodens durch seine Finger rieseln. „Meine Eltern weinten und sagten mir, ich solle nicht nach ihm suchen, weil sie mich nicht auch noch verlieren wollten, aber ich musste einfach.“

Leyla war mit ihrem Bruder auf dem Weg zu ihrer Tante in die Staaten. „Meine Tante sagte immer, schau den Horizont an und orientier dich an den Silberstreifen, die du dort sehen wirst. Dann kannst du dein Ziel niemals verfehlen.“

„Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir losgehen“, flüsterte ich. „Jeder für sich. Es wird Zeit, dass wir alle den Horizont erreichen, den wir erreichen wollten.“

Es war ein schwerer Abschied. Und doch hatte ich das Gefühl, wir würden uns wieder sehen. Und vor allem hatte ich eines: Ein Ziel.

Und dieses Ziel war der rosarote Horizont, den ich am Himmel sah, als am nächsten Morgen die Sonne aufging. Ich war alleine, die anderen waren schon längst fort. Der Wind trieb mir trockene Tränen in die Augen als ich dem Auto Lebewohl sagte und losging.

Los, um den Horizont zu finden, an dem ich ankam und auf die Menschen traf, die mich zu der Frau machten, die ich heute war. Und die mir diese wunderbare Enkelin Mayla schenkten – die mich neugierig ansah, während ich Aleynas Brief in den Händen hielt.

Sie hatte mich gesehen, gestern, hier.

Wir lebten unter dem gleichen Horizont. Vielleicht taten wir das alle. Vielleicht gehörten wir einfach alle zusammen, und egal, wo wir herkamen, entscheidend war doch, dass wir dort angekommen sind, wo wir glücklich sein können.